Menschenfischer

Ich weiß nicht, wann in mir die Assoziation erstmals aufkam, aber immer dann, wenn ich heute gelungene Fotoreportagen von Menschen sehe, kommt mir der Begriff „Menschenfischer“ in den Sinn. Nun ist dies in unserer Gesellschaft ursprünglich ein christlich besetzter Begriff, indem nach den Evangelien die ersten Jünger von Fische-Fischern zu Menschen-Fischern wurden („ich werde Euch zu Menschenfischern machen“). Nachdem dieser Begriff mit dem christlichen Inhalt offensichtlich nach und nach aus dem Bewusstsein geraten ist, taucht er nur noch selten auf, allenfalls als Buchtitel eines Kriminalromans („Marthaler ermittelt…“) aus dem Jahre 1998 von Jan Seghers. In einem Artikel des Autors Gregor Peter Schmitz auf Spiegel Online aus dem Jahre 2011 wird der Begriff noch einmal Bestandteil des Titels „Geldmanager Strauss-Kahn. Der Fall des Menschenfischers“.

Ich assoziiere heute mit dem Begriff diejenigen Fotografen, die es schaffen, mir durch Ihre Abbildungen Menschen näher zu bringen, deren jeweilige Situation aufzuzeigen, möglicherweise ihr Elend, Trauer, Verzweiflung, aber auch ihre Freude und Lebenslust, immer mit dem Respekt vor ihrer Persönlichkeit, ohne ihre Würde zu nehmen oder sie zu einem beliebigen Objekt zu degradieren. Erst recht, wenn offensichtlich Fotografierende und Fotografierte miteinander kommunizieren (wie auch immer) und es sich nicht um eine fotografische Vergewaltigung handelt, finde ich diese Bezeichnung passend.

 

Isabell Corthier

So ist es mir auch ergangen, nachdem ich auf der Webseite des Fujilove Magazins auf ein hörenswertes Podcast-Interview mit der belgischen Fotografin Isabell Corthier gestoßen bin. Mit diesem Interview entstand die Idee, eine kleine Linksammlung von Fotografen zu beginnen, die mich auf der Suche nach der Verbindung von Mensch und Fotografie sowohl im engeren als auch in einem weiter gefassten Sinne beeindruckt haben.

 

Kevin Mullins

Einer der ersten Fotografen, bei dem ich diese begriffliche Assoziation hatte, war Kevin Mullins. Auf der Suche nach Informationen zu den „Fujicron“-Objektiven habe ich zunächst seine Webseite f16.click entdeckt, später dann auch Wedding Photographer. Anfangs irritierte mich seine Verbindung von scheinbaren Gegensätzen, nämlich seiner Schwarz lastigen Schwarz-Weiß-Bildgestaltung und überschäumender Lebensfreude in den Bildinhalten. Seine Farbfotografie ist im Prinzip nicht anders. Dieser Gegensatz wirkt manchmal wie ein Augenzwinkern. Mich hat tatsächlich immer das tiefe Schwarz in seinen Aufnahmen fasziniert, wiederum in einem starken Gegensatz zu seinem strahlenden, aber nie reinem, sondern immer etwas gedeckten Weiß.  Manchmal erinnert dieses Stilmittel an Sebastiáo Salgado, aber ohne dessen Erdrückendes und Schwere der düsteren Grautöne. Es waren letztlich diese kurze, hochprivate fotografische Lebensgeschichte eines Tages, die auch Alltägliches nicht auslässt und das zugehörige Video, die mich von seiner fotografischen Erzählkunst überzeugt haben.

 

Ragnar Axelsson

Ragnar Axelsson hat mit seinem Buch Faces of the North, das in seiner physischen Größe denjenigen von Sebastiáo Salgado kaum nachsteht, meine alte Begeisterung für die Schwarz-Weiß-Fotografie wieder erweckt. Er thematisiert das Verschwinden des nordischen/arktischen Lebensraumes und seine Auswirkungen auf die dort lebenden Menschen in beeindruckenden und bedrückenden, monochromen Bildern. Trotz oder vielleicht gerade wegen der einfachen Gestaltungsmittel berühren die Aufnahmen und gehen unter die Haut.

 

Nicholas Nixon

Über einen lesenswerten Artikel in der New York Times bin ich auf ein dünnes Buch (The Brown Sisters – Forty Years) mit Fotos einer Ausstellung von Nicholas Nixon im Museum of Modern Art gestoßen; eine Ausstellung über ein in zeitlicher Hinsicht wahres Mammutprojekt. Ab dem Jahre 1975 hat Nicholas Nixon seine Ehefrau und ihre 3 Schwestern über 40 Jahre lang zusammen porträtiert, sämtliche Aufnahmen in Schwarz-Weiß, anfangs mit einer Gr0ßformat-Kamera auf Plattenfilm, im Verlauf digital mit einer DSLR. Beeindruckend ist bei diesem Projekt weniger der handwerkliche fotografische Aspekt als vielmehr die kaum nachvollziehbare Konsequenz, über 40 Jahre hinweg, tatsächlich jedes Jahr 5 Menschen (und eine Kamera) zusammenzubringen, um in immer wieder kehrenden Gruppenporträts die Zeit, die Vergänglichkeit, das Leben mit seinen Spuren bei den Einzelnen, aber auch im Verhältnis zueinander aufzuzeichnen. Zu Beginn der Dokumentation waren die Brown-Schwestern 15 bis 25 Jahre alt. – Ich weiß nicht, ob man erst einen Blick, einen Sinn für die vielfältigen, nicht immer sofort offensichtlichen Veränderungen in dieser gleich wirkenden Aufnahmesequenz bekommt, wenn man nicht selber auf eine vergleichbare Zeit und Zeitspanne zurückblickt und die eigenen Spuren an sich oder seinen Nächsten vor dem inneren Auge sichtbar werden.

 

Andere bemerkenswerte Fotografen werden sicherlich noch in die kleine Linksammlung folgen. Allgemein bekannte, große Namen habe ich bei dieser willkürlichen Auswahl vermieden, insbesondere dann, wenn sie mehr mit Studiofotografie verbunden sind und weniger die äußeren Lebensumstände einbeziehen. Von den bekannten Porträtfotgrafen, die mir präsent im Gedächtnis sind, könnte ich vielleicht noch Gregory Heisler und Walter Schels hier mit anführen; letzterer mit Projekten wie „Hände“, „Nochmal Leben“, „Emotionen“, „Neugeborene“, aber auch „Tierische Porträts“.

 

 

Das kleine Fest in Hannover:

Die Aufnahmen sind bereits vor vielen Jahren entstanden mit einer Canon S90, anfangs zunächst völlig unbrauchbar durch falsche und übersättigte Farben (meine Fehleinstellung in der Kamera). Mit moderner Hilfe (Lightroom und Silver Efex Pro) ließen sich einige der Aufnahmen retten.

 

 

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