Exposure X4

Aussichten auf eine Alternative für ein Adobe-Abo?

Gestern kam die Mail mit dem Link zum neuen FujiLove-Magazin für Dezember 2018. Dabei fiel mir wieder eine Anzeige der Firma Alien Skin Software auf, die für ihre Bildbearbeitungssoftware Exposure X4 wirbt. Exposure wird zudem von einigen X-Fotografen (z.B. Kevin Mullins) als gute Alternative zur RAW-Entwicklung der Fuji-Dateien beschrieben. Kurzerhand habe ich mir darauf hin eine Testversion von Exposure X4 heruntergeladen und auf dem MacBook installiert. Der Preis für diese Software entspricht dem früheren für Lightroom – bevor Adobe auf das umstrittene Abonnement-System für Lightroom (plus Photoshop) umgestellt hat.

Die Bildbearbeitungssoftware Exposure gibt es selbst in der neuen Version X4 immer noch nicht mit einer deutschen Sprachoberfläche. Dennoch findet man sich als geübter Lightroom-Anwender sofort in dem Programm zurecht. Für mich als jemand, der kein Freund der zwanghaften Katalogisierung in Lightroom ist, kommt es sehr gelegen, dass es diesen Programmteil als solches in Exposure nicht gibt. Stichworte gibt man unter den Metadaten ein. Die erste Darstellung der RAW-Bilder aus dem jeweiligen Dateiverzeichnis geschieht spürbar schneller. Die eigentliche „Entwicklung“ bzw. Bildbearbeitung der RAW-Dateien ist in vielen Punkten identisch zu Lightroom, zumindest aber ähnlich. Das grundsätzliche Layout der Programmoberfläche bietet dieselben Fenster. Die Farbgebung und Schrift gefällt mir dagegen bei Lightroom besser; möglicherweise ist das aber eine Frage der Gewöhnung. In den Untermenüs fand ich mich auf Anhieb zurecht. Die Exportfunktion ist ebenfalls weitgehend identisch.

Schier unermesslich und erschlagend ist die Menge der Presets. Diese können gut die verschiedenen Programme der alten NIK-Software-Suite ersetzen, insbesondere auch das von mir bevorzugte Silver Efex Pro. Sehr gut finde ich, dass die Einstellungen dieser Presets im rechten Entwicklungs-Fenster in allen Details nachvollzogen und modifiziert werden können. Somit braucht man bei der Bildbearbeitung nicht mehr zwischen zwei verschiedenen Software-Oberflächen umzudenken. Die Qualität der Presets ist auf dem ersten Blick auf dem Niveau der alten NIK-Programme. Der Variantenreichtum wirkt auf mich dagegen noch größer. Kaum etwas scheint damit unlösbar – außer die von mir bevorzugten zarten Rahmen für SW-Modifikationen. Die Mehrzahl der vorliegenden Rahmen-Presets wirkt für mich zu mächtig und „erdrückend“. Im Gegensatz zu den Lightroom-Presets, von denen ich praktisch keines (außer versuchsweise bei den „Lärchenzapfen“) eingesetzt habe, sind in Exposure einige schöne Entwicklungen und Tonungen im SW-Bereich enthalten. Die Farbpresets haben für mich, bis auf einige zart und monochrom wirkende, eher einen experimentellen Charakter. Altertümliche Farbfilmsimulationen entsprechen nicht meiner Vorliebe.

Exposure X4 – manuell bearbeitet

Verblüfft hat mich dagegen bereits bei den ersten Versuchen, dass ich bei einigen RAW-Dateien, die ich unter Lightroom wegen Unschärfe aussortiert hatte (weswegen ich bereits an mir und den Objektiven gezweifelt habe), mit Exposure zu einer anderen Einschätzung gekommen bin – und zwar bereits in der Standardeinstellung von Exposure X4. Praktisch alle Motive vom Wegesrand, die hier verfremdet dargestellt sind, hatte ich vor wenigen Tagen ausgemustert, weil ich in Lightroom den Eindruck hatte, dass die Schärfe nicht richtig „sitzt“. Selbst die beiden letzten Bildbeispiele, das schräg-bunte mit den roten Schuhen und das Blättermotiv in Platin-Tonung haben keine nachträgliche Bildschärfung erhalten. Dies gilt übrigens für alle Bildbeispiele in diesem Beitrag. Auch die von mir unter Lightroom praktisch immer genutzten Möglichkeiten des Klarheitsreglers und der Gradatationskurve kann man bei Exposure X4 offenbar zurückhaltender einsetzen. Bei der Schärfung im Rahmen des JPG-Exports habe ich überwiegend die Einstellung „low“ benutzt, lediglich einmal „medium“, nämlich beim Beitragsbild. Hierbei hat die Bereichskorrektur unter Exposure zur Beseitigung der vielen Staubpartikel auf der Jacke das kleine MacBook in Hitzewallungen gebracht, so dass seit langem erstmals wieder der leise Lüfter ansprang. Das ist auch bei der RAW-Bearbeitung unter Lightroom der Fall; ich hatte unter Exposure aber den Eindruck, dass einige Programmfunktionen schneller ablaufen und dadurch der Rechner mehr gefordert wird und somit schneller erwärmt. Die Effektivität und Schnelligkeit dieser Korrekturfunktion ist überzeugend. Keinen einzigen Korrekturpunkt musste ich manuell verbessern, was früher bei Lightroom durchaus notwendig war. Ob und in wieweit die Ebenen-Technik von Exposure die Bereichskorrektur in Lightroom ersetzen kann oder, wie Einige meinen, sogar übertrumpft, kann ich noch nicht einschätzen. Was Exposure fehlt, ist zum einen das Druckmodul, das in Lightroom mittlerweile so gut ist, dass der Weg über Photoshop zur Bildausgabe auf einen Fine-Art-Printer weitgehend überflüssig wird. Zum anderen fehlt die Buch-Option, mit der man die Möglichkeit hat, direkt aus dem Katalog heraus Fotobücher zu entwerfen.

Exposure X4 – Preset

 

Nachtrag:

Beim Nachmittagskaffee nahm ich heute noch einmal das letzte Heft von FujiLove – Quarterly vom Herbst 2018 zur Hand. Diese Ausgabe trägt den Untertitel „People“. Auch hier war gleich auf der Cover-Rückseite eine Anzeige von Alien Skin Software zu sehen; diesmal mit einem Porträtfoto von Joshua Simmons, das beispielhaft für einen alten analogen Farbfilm-Look von Exposure X4 steht. Dabei erinnerte ich mich an ein Interview von Tomash, dem Gründer von FujiLove, das er mit dem Geschäftsführer von Alien Skin Software, Finley Lee, geführt hatte und das hier nachzulesen ist. Auch gab es in der elektronischen FujiLove-Ausgabe Oktober 2018 einen Artikel von Steve Dreyer unter dem Titel „Moody Views“ mit SW-Bildern von New York, die mir ausgesprochen gut gefallen haben. Hier erklärt Dreyer wie er Exposure bei seiner „Laborarbeit“ einsetzt. Zufällig hat das Beitragsbild dieses Blogeintrages einen vergleichbaren Entwicklungsgang durchlaufen, indem der letzte Bearbeitungsschritt im Einfügen eines Infrarot-Presets (IR-Fog-Bright) bestand – allerdings, um einer High-Key-Modifikation noch etwas Strahlendes zu geben.

Eine letzte Anmerkung möchte ich hierzu noch anfügen. Wer nicht durch eigene Arbeit im Fotolabor die Beschränkungen der früheren analogen Fotografie erlebt hat und diese technischen Limitierungen in den eigenen Verarbeitungsprozess als Stilmittel der Reduktion umzusetzen gelernt hat, der kann schwerlich nachvollziehen, warum scheinbar „überkommene“ alte Filmsimulationen einen solchen Reiz ausüben. Obwohl ich schon sehr lange keinen SW-Film mehr in der Kippdose entwickelt und in meinen alten Dunco-Vergrößerer (mit APO-Rodagon) gelegt habe, „denke“ ich bei SW-Fotografie heute immer noch „in“ Kodak Tri-X, Ilford Pan-F, FP-4 oder HP-5 (den Fujifilm Acros habe ich nie benutzt) und habe sogar einige Motive in Push-Entwicklung „vor Augen“. Dementsprechend ist für mich das „perfekte“, voll abgestufte, nuancenreiche digitale SW-Bild auch nicht (oder zumindest selten) das Angestrebte.

 

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