Schloss Derneburg – Hall Art Foundation – 2021

Wiedereröffnung im Juli.

Wir hatten für den Öffnungstag, den 16. Juli, unseren Eintritt zu 13:00 Uhr gebucht. Das wiederholt in der Lokalzeitung diskutierte Parkplatzproblem war an diesem Tage definitiv nicht existent, da nur einer der vom Museum ausgewiesenen Parkplätze mit einzelnen Autos belegt war. Im weitläufigen Schloss und dem umgebenden Park waren wir teilweise ganz ohne weitere Mitbesucher unterwegs. Das perfekt organisierte Buchungssystem wünscht man sich, nachdem alle Welt von Digitalisierung spricht, auch andernorts.

Da wir uns entschieden hatten, den Museumsrundgang diesmal nicht am Haupteingang des Schlosses zu beginnen, sondern über die neue Präsentation im Schafstall, konnten wir nachvollziehen, warum Martina Prante in ihrem Ankündigungsartikel der HAZ vom 15. Juli als Titel „Blütenzauber – auf Wiese und Öl“ wählte und dann weiter plakativ schrieb „prächtige Blüten- und Kräuterwiesen wetteifern mit ihren üppigen Kolleginnen in Öl“.  Da es sich hier nicht um einen Wettkampf Blumenwiese gegen Blumenbilder handelt, sondern um ein Nebeneinander, ist die Frage nach Gewinner und Verlierer eigentlich nur rhetorisch.

Zur naturnahen Bepflanzung gehört es dann auch, dass man auf schon Verblühtes oder aber noch nicht Erblühtes trifft, auch dass die Blüten im Sonnenschein anders leuchten als unter dem bedeckten Himmel mit seinem diffusem, eher kalten Licht, wie wir es am Freitag vorgefunden hatten. So kann man sich dann auf die angekündigte Spätsommerblüte freuen und einen Wiederholungsbesuch ins Auge fassen. Die Preise für die Ausstellung oder einen Parkbesuch sind mit 20 € bzw. 8 € kein wirklicher Hinderungsgrund.

Wie im vergangenen Jahr sind auch diesjährig nur „selbstgeführte Besichtigungen ausgewählter Bereiche des Schlosses und des Schlossgeländes“ möglich. Die Anzahl von 50 einzulassenden Besuchern sichert zum einen das Einhalten der Corona-Empfehlungen innerhalb der Ausstellung, aber auch die Begrenzung des Besucherandranges an den Parkplätzen und in der Ortsdurchfahrt von Derneburg.

Die im Museum und im Park positionierten QR-Codes bieten erneut den Zugang zu Hintergrundinformationen. Das funktionierte ganz überwiegend. Nur vereinzelt blockierten „unsere dicken Schlossmauern“ den WLAN-Empfang für die Besucher (das Passwort wird einem mitgeteilt). Dann fand das Smartphone aber zumeist per LTE die verlinkten Webseiten des Museums. Da ich kürzlich bei Überprüfung der Links in meinem letztjährigen Blogbeitrag bemerkt hatte, dass die genannten nicht mehr gültig sind oder auf neue Exponate weisen, lasse ich sie diesmal weg.

 

Jorge Galindo

“Flower Paintings” and works made in collaboration with Pedro Almodóvar.

Diese Titelergänzung zu der Ausstellung von Jorge Galindo darf man nicht übersehen, um zu verstehen, dass es sich bei den präsentierten Großbildern um technisch durchaus unterschiedliche Exponate handelt. Eines dieser Gemeinschaftsprojekte und sein Ergebnis wird in dem folgenden YouTube-Video nachgezeichnet.

Die „Farbexplosionen im Schafstall“ laden ein zum Verweilen, um die übergroßen Bilder in dem Raum mit seinen riesigen Fensterfronten auf sich wirken zu lassen. Einzelne Exponate sollten außerdem auch wieder von der Seite oder von hinten betrachtet werden, denn nicht bei allen handelt es sich um typische großformatige Leinwandbilder.

 

The Passion

Den Anfang von „The Passion“ findet man gleich vorne links im Erdgeschoss der großen Eingangshalle mit der Ausstellung von Hermann Nitsch. Hier hatte allerdings meine Frau gestreikt. Bei unserer ersten, langen und damals begleiteten Führung, wurden alle Teilnehmer mit detaillierten Erläuterungen versorgt, was in der Kompaktheit der digital unterstützen, selbstgeführten Besichtigung nicht möglich ist – bei derart schwer fassbaren, verstehbaren Inhalten aber nahezu unabdingbar erscheint (unter anderem „Aktionen mit Fleisch, Blut und Eingeweiden“). Die anschließenden Teile der Ausstellungsserie geben dann einen jeweils mehr spotartigen Einblick in die christliche Ikonografie der zeitgenössischen Kunst.

 

Baselitz auf dem Kopf

Die „Umkehrbilder“ sind nunmehr fast 40 Jahre alt. „Die Hamburger Beweinung“, „Der Bote“ und „Die Kreuztragung“ von 1983 bzw. 1984 wurden positioniert wie ein Tryptichon und sind nicht bemerkenswert dadurch, dass sie auf den Kopf hängen – das ist nichts Ungewöhnliches mehr. Vielmehr heben sie sich von den übrigen Exponaten der Reihe „The Passion“ durch ihre Einzelgröße ab, durch ihre Entstehungstechnik, der Malerei in Öl, ihre Farbigkeit, die bei Nahem eher aus Pastelltönen besteht. Außerdem scheinen sie vordergründig keine Konzeptkunst zu sein und die Titel der Einzelbilder anfangs auch unerheblich. Falls einem das räumliche Abstraktionsvermögen fehlen sollte, ist es heute leicht, die Bilder zu rotieren, um dann erschreckt oder beeindruckt in das leidvolle schwarze Gesicht des zentralen Bildes zu schauen.

 

Tanzende Augen

„Du musst jetzt sofort kommen und Dir das ansehen!“ Meine Frau rief mich ungeduldig, nachdem ich gerade aus den westlichen Räumen des Kreuzganges gekommen war und zog mich in eine weitere ehemalige Zelle mit der skurrilen Skelett-Installation und den tanzenden „Augäpfeln“ von Damien Hirst: „Rehab is for Quitters, 1998-1999, Plastic skeleton on glass cross with ping pong balls and compressors“. Dass seine Kunst spaltet, polarisiert, wird hier im wahrsten Sinn plastisch. “I’ve got an obsession with death“ – aber, „bei ihm geht der Tod stets mit dem Leben schwanger“, wie Stephan Reisner bei Lumas über Hirst schreibt. – Ich bin nicht sicher, ob hinter der Skulptur und den zitierten Worten mehr steht als Koketterie mit dem Mach-/Sagbaren. Hilft der Titel (Ironie/Zynismus?) weiter? – Wohl kaum.

Daneben an der Wand von Hirst „The Martyrdom of St. Andrew, 2002-2003
Nickel plated stainless steel and glass cabinet with medical glassware and various objects“.  Hätten wir links in dieser Vitrine nicht den deplaziert wirkenden, kleinen, schwarz-weißen Porzellan-Setter entdeckt (vielleicht das Augenzwinkern von Hirst) und würden die beiden Ping-Pong-Bälle nicht so irrwitzig und makaber wie sicher auf dem Luftsrom aus den beiden Kompressoren tanzen, so wäre die Gratwanderung zum Unverdaulichem überschritten.

Es hatte etwas Gutes, dass man gleich nebenan im Cafe Galactico eine Pause einlegen konnte, um sich mit einem Café Crème sowie einem Stück leckeren Möhrenkuchens mit Streußelauflage für die anschließende Passionsstrecke zu stärken.

 

The Passion

Die nächsten Abschnitte von Passion in den anschließenden Zellen des Kreuzganges bieten eine kleinteilige Zusammenstellung, auch mit Exponaten von Boys, Marisol oder Niki de Saint Phalle. Bei der Fülle der (leeren?) christlichen Symbolik drängen sich einem bereits hier die Fragen zum Gegenwartsbezug und den „aktuellen Missständen in der Kirche“ auf, so wie es Martina Prante zu Recht in der HAZ anmerkte – auch die Frage, ob das Zeitgeschehen nicht schon längst über diese (überholte?) Symbolik hinweg gerollt ist.

 

„Priester“ von Sante D`Orazio

Die großformatige, nahezu perfekt durchinszenierte Theatralik in Schwarz-Weiß der Priester-Bilder von Sante D`Orazio – umgeben von breiten, schwarzen Rahmen – „spielt“ auf den ersten Blick eher mit Unnahbarkeit oder sogar Bedrohlichkeit.

Anders scheint aber der Künstler selber seine Arbeit aufzufassen, nämlich, laut Ausstellungsinformation (Zitat), „als Darstellung der ´Menschen, die moderne Objekte der Anbetung schaffen´ erforscht Priests die Rolle der Künstler im 21. Jahrhundert, die in ihrer Fähigkeit, das Unfassbare darzustellen und einen Sinn für das Erhabene zu vermitteln, in der Geschichte oft als Mittler zwischen Himmel und Erde agierten“.

Bei allem Wohlwollen, kein kritischer Mensch würde heute den Posierenden Erhabenheit abnehmen…

Die Porträtierten sind andere Künstler. Passend zu dem zuvor Gesagtem wurde die Priesterfigur von Damien Hirst mit einem Totenschädel neben sich auf dem Tisch abgebildet. Weitere Priester-Darsteller sind u.a. Maurizio Cattelan, Francesco Clemente, Alex Katz, Nobuyoshi Araki und Matthew Barney.

 

Antony Gormley

Die rostige Figur über dem Kopf an der Decke irritiert etwas, ist aber immer wieder sehenswert, ebenso wie die anderen Exponate in Menschengröße aus der Reihe „View“ von Antony Gormley. Besonders trifft dass zu auf die wieder eröffnete Kapelle mit den unzähligen, kleinen, kantigen und schwarzen Figuren, die in einem starken Gegensatz zu dem hohen, weiten und weißen Raum stehen, zu dem man nur über eine Brücke gelangt und eine vergleichsweise kleine Tür den Einblick bietet.

 

 

Eingangshalle

Der bedeckte Himmel gab ein helles, diffuses Licht, hielt aber direktes Schlaglicht der Sonne fern. So habe ich die Gelegenheit genutzt, ein Foto des großen, bunten Mosaikfensters von innen her aufzunehmen. Über den Treppenaufgang gelangt man zum 1. Stock in den Rittersaal mit den großfomatigen Exponaten der Ausstellung von Katharina Grosse, die noch bis zum 22.08.2021 läuft.

 

Eine Fotografie der Bank – „für den Chef“

Wir hatten die Bank im Garten, tief unter den Bäumen, schon aus dem Fenster des großen Rittersaales gesehen. Es hieß wir seien die ersten, die sie für einen kleinen Halt und Rückblick genutzt hätten. Die Bank sei aufgestellt worden nach einem alten, historischen Foto, das ebenfalls 2 Personen mit Blick auf das Schloss zeigen würde. Erzählt hatte uns das der Mann, dem wir an diesem Tag praktisch überall in der Anlage begegnet waren, der mir einen Torflügel im Schafstall geöffnete hatte, damit ich eine Aufnahme von draußen nach drinnen machen konnte, der aber auch kritisch, wachsam ein Auge auf mich hatte, damit ich der Skelett-Installation beim Fotografieren nicht zu nahe kam. So hatte uns an dieser Stelle Alexander Haviland, der Geschäftsführer und Kurator des Museums noch einige Fragen feundlich beantwortet, um kurz darauf mit dem Elektroroller seine Kontrollfahrt über das weitläufige Gelände fortzusetzen.

 


Notizblog

„Ich bin vielleicht etwas neurotisch, aber wir beide würden uns Vorwürfe machen, wenn durch eine Unachtsamkeit auch nur der kleinste Schaden an einem der empfindlichen Kunstwerke entstehen würde.“ Der sehr höfliche und aufrichtig besorgte, junge Mitarbeiter meinte meine kleine Fototasche, in der ich die Fotokamera bei solchen Gelegenheiten transportiere. Möglicherweise lasse ich sie beim nächsten Besuch wirklich draußen oder in einem der zur Verfügung stehenden Schließfächer, denn die beiden ebenfalls mitgenommenen Objektive (23 mm/1,4 und 35 mm/1,4) habe ich wieder nicht benutzt.

So sind daher alle gezeigten Aufnahmen mit dem Fujinon 16 mm/1,4 entstanden.  Als Grundlage für die Entwicklung in Capture One dienten ausschließlich die RAW-Dateien. Für einen konsistenten Bildstil habe ich wiederum die Filmsimulation „Classic Chrome“ innerhalb von C1 mit den Modifikationen des Vorjahres (Anhebung von Kontrast, Sättigung, Schwarzwert sowie Klarheit und Struktur) verwendet. Die teils extremen Kontraste ließen sich nur durch Ebenenbearbeitung angehen. Die HDR-Technik habe ich außen vor gelassen. Der größte „Kampf“ galt dem Weißabgleich. Trafen doch sehr verschiedene Lichtarten (interne Beleuchtung durch Strahler, diffuses, eher kühles Licht durch den oberen Teil der Fenster, grün eingefärbtes Licht aus den unteren Fensterabschnitten als Reflexionen der Gräser) aufeinander.

 

 

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