Die Toten haben Namen

Unsere Helden?

Vor geraumer Zeit sah ich im deutschen Fernsehen eine filmische Biographie von Bert Brecht. Nachdem ich meine erste Verwunderung abgelegt hatte, dass Brecht von den filmischen Medien offensichtlich nicht vergessen worden ist, wuchs mein Interesse an dem besagten Film als geschildert wurde, wie eine Gesellschaft, Lehrer und Eltern ihre Kinder und Jugendlichen zu Kriegsfreiwilligen indoktrinierte, bereit zum Töten und Getötetwerden.

„Schießt, Kinder, schießt“

Unter diesem Titel hat Bettina Fensch im Hamburger Geschichtsbuch einen bestürzenden Bericht über die ideologisch motivierte „Kriegspädagogik“, „Kriegspoesie“, „Kriegsgeographie“ oder „Kriegsrechnen“ in einer Hamburger Schule im 1. Weltkrieg verfasst.

„Es ist ein Bereitsein zum Tode nötig“

Die Deutsche Welle hat im Jahre 2014 eine informative Reihe zum 100 jährigen Gedenken an den Kriegsbeginn herausgebracht und aufgezeigt, dass die Begeisterung, ja Hysterie für bzw. zum Krieg praktisch durch alle Gesellschaftschichten ging und auch vor Intellektuellen und Künstlern nicht Halt gemacht hat. Der in seinem 1. Gefecht gefallene Kriegsfreiwillige Herman Löns wird zum Nationalhelden. Der „Blaue Reiter“ Franz Mark, der als Kriegsfreiwilliger ein „krankes“ Europa durch einen solchen Krieg „gesunden“ lassen wollte, stirbt im März 1916. Auch August Macke, der zusammen mit anderen Malern der Neuen Künstlervereinigung in der darstellenden Kunst seiner Zeit voraus war, meldet sich freiwillig zum Krieg und stirbt bereits im September 1914. Ernst Troeltsch ist ein Paradebeispiel „intellektueller Mobilmachung“, so zumindest nach dem DW-Artikel vom 02.04.2014, der das abstruse Gedankentum eines damals angesehenen Geisteswissenschaftlers und Professors für Evangelische Theologie präsentierte. Die einfältige, menschenverachtende Bigotterie der 27 Jahre junge Volksschullehrerin Gertrud Schädla lässt sie im August 1914 nach einem flüchtigen Sieg in ihr Tagebuch schreiben „Nun hat uns der freundliche Gott wieder geholfen“. Als ihre Brüder eingezogen werden hält sie fest „Es ist ein Bereitsein zum Tode nötig“.

Vom Kriegsrausch zum Massensterben

Die Entwicklung vom rauschhaften „Augusterlebnis“ bis zum Massensterben in der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wird von Andrej Reisin skizziert. Der Rausch in Teilen der Bevölkerung  geht bald in Hunger, Arbeitslosigkeit über und führt an den Fronten zu 10 Millionen toten Soldaten.

Die beiden jüngsten Kriegsfreiwilligen aus Hildesheim waren zu Kriegsbeginn 14 Jahre alt.

 

20 Jahre später

Scheinbar alles vergessen…

 

Der „so genannte Ehrenfriedhof“ (so steht es auf den zugehörigen Pulttafeln) für die Gefallenen des 1. Weltkrieges wurde in Hildesheim in den Jahren von 1914 bis 1923 errichtet. Während für die Toten des 1. Weltkrieges neben dem Gräberfeld auf dem Hildesheimer Nordfriedhof noch ein Denkmal zur Erinnerung an die „Helden“ beigefügt wurde, das in seiner Monumentalität heute befremdlich wirkt, finden sich daneben einfache Steinkreuze für die toten Soldaten des 2. Weltkrieges. Weiter nebenan liegen das Gräberfeld für „ausländische Opfer“ und für „Bombenopfer“. Die Geschichts- und Erinnerungstafel Hildesheim, die hier angebracht wurde, versucht in Kürze einen historischen Überblick zu geben. Detaillierte lokale Einsichten über die zynischen und grausamen Unfassbarkeiten des Nationalsozialismus vor und während des 2. Weltkrieges geben die folgenden Webseiten:

 

Nordfriedhof – früher Zentralfriedhof

Der Nordfriedhof wurde durch einen Artikel in der Hildesheimer Zeitung in mein Bewusstsein gerückt. Berichtet wurde darüber, dass eine  Bürgerinitiative die Stadtverwaltung erfolgreich daran gehindert hatte, eine beträchtliche Anzahl großer, alter, stattlicher Bäume zu fällen. Da Friedhöfe nicht nur für die Toten geschaffen sind, sondern auch für die Lebenden, ist es zudem interessant zu beobachten, wie hiermit umgegangen wird, ob sie auch planerisch und erhaltungsmäßig Gärten der Ruhe und Besinnung sind – für die Hinterbliebenen, deren Abschiedsprozess sich manchmal sehr lange hinzieht oder auch für alle Anderen, die einfach einen Ort zum Innehalten suchen. So hatte ich mich an einem sonnigen Frühlings-Samstag aufgemacht und die nicht gefällten Bäume besucht. Als ich beim Rundgang dann an das Gräberfeld der Jugendsoldaten aus dem 1. Weltkrieg kam, fiel mir die o.g. Filmpassage über Kriegsfreiwillige wieder ein und verdüsterte schlagartig meine Stimmung angesichts dieses Irrsinns. Aus dieser Stimmung heraus sind die Bilder entstanden, dann zunächst beiseite gelegt und wegen aktuell leider wieder zunehmender Geschichtsvergessenheit und Geschichtsverdrehung hervorgeholt.

 

 

 

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