Rübenberge im November

Das Jupiter 85 mm / f 2,0 im Feld.

An einem kalten, diesigen Novembertag ein neu erworbenes Vintage-Objektiv auszuprobieren, ist auf Anhieb garnicht so einfach; erst recht, wenn es sich dabei nicht um eine Normalbrennweite oder leichtes Weitwinkel handelt, das man noch für irgendeine Art von Straßenfotografie einsetzen könnte. Bei dem Jupiter 9, das eine Brennweite von 85 mm aufweist, handelt es sich nominell um ein leichtes Teleobjektiv. Es bestitzt am APSC-Sensor aber einen Bildwinkel, der einer mittleren Brennweite von 135 mm im Kleinbildformat entspricht.

Die Jupiter-Objektive aus sowjetischer Herstellung werden zumeist auf die Sonnar-Konstruktion von Zeiss-Ikon zurückgeführt. Genaueres hierzu ist auf der Seite von Guido Studer aus Basel nachzulesen, auch mit einer historischen Zuordnung in der Beschreibung des Jupiter 8. Bei der kürzlich von mir erworbenen Version des Jupiter handelt es sich um ein Jupiter 9 mit der Brennweite von 85 mm und einer maximalen Blendenöffung von 2,0. Es besitzt ein M39-Gewinde wie es auch für die ersten Leica-Versionen vorgesehen war. Über einen entsprechenden Adapter, den es für zahlreiche verschiedene Kameraanschlüsse gibt, habe ich es heute an die Fujifilm X-T2 montiert. Es ist so nur ausschließlich manuell zu fokussieren. In den meisten Situationen ist hierbei mit der Kamera eine elektronische Unterstützung möglich, die als Focus Peaking bezeichnet wird. Bei entsprechenden Kontrasten im Motiv ist das auch eine wirkungsvolle Hilfe. Handelt es sich aber mehr um kontrastarme, flaue Gegenstände, so kann die Elektronik keine farblich markierte Kantenhervorhebung im elektronischen Sucher liefern. So ist es mir heute mehrfach ergangen. Dadurch war der Ausschuss höher als bei den kürzlich zurückliegenden Versuchen mit dem Helios 58 mm / f 2,0.

Ich habe mich also mit dem Fahrrad aufgemacht, um irgendwo zwischen Diekholzen und Hildesheim Motive zu finden. Hängen geblieben bin ich letztlich an langgezogenen und mit Planen abgedeckten Bergen von frisch geernteten Zuckerrüben irgendwo am Wegesrand in den Feldern vor Marienrode. Die Zeiten, in denen man fluchend in seinem Auto hinter einem Rübentrecker auf einer Matsch verschmierten Straße herschleicht, sind längst vorbei. Die Rübenkampagne geht nach Umstellung der Ernte- und Transporttechnik heute doch weitgehend an uns allen vorbei.

Das Spiel mit offener Blende und einer schmalen Schärfezone zur Erzeugung eines möglichst weichen Bokehs konnte ich heute vergessen. Also habe ich versucht, in diesen Zuckerrübenhaufen bzw. in den grauweißen Rübenbergen mit 135 mm Brennweiten-Äquivalent Motive zu finden, die sich sowohl für triste Farbaufnahmen, als auch für Struktur betonte Schwarz-Weiß-Bilder eignen.

 

 


Notiz-Blog

Die Nachbearbeitung erfolgte ausschließlich in Capture One Pro 12. Bei den Basismerkmalen in C1 habe ich diesmal wieder die Kurve „Auto“ belassen. Seltsamerweise konnte sie mit den heutigen Aufnahmen besser umgehen und wirkte weniger flau als „Film Standard“. Bei allen Farbbildern wurde die allgemeine Sättigung um mindestens 7 Stufen zurückgenommen. Bei den Fernaufnahmen sollte sich aber in der Ferne noch das gefärbte Laub an den Bäumen farblich abgrenzen und nicht in einem Einheitsgrau untergehen.

Bei einigen Bildern lag der spielerische Reiz in einer selektiven Entsättigung. Mit der Ebenentechnik und einer Maske lassen sich so im selben Bild SW und Farbe vereinen. Die Schwierigkeit liegt dabei in der richtigen Maskierung an den Grenzen zwischen den beiden Bildanteilen.

Mit der Autofunktion bei den Tonwerten lässt sich verblüffend einfach aus einer trüben, weichen Aufnahme ein Bild mit ansprechenden Kontrasten erzeugen, ohne dabei den Kontrastregler zu bemühen. Letztlich ist das etwas, was man ohne Tonwertabrisse nur in der 16-Bit-RAW-Bearbeitung hinbekommt, da so die gesamten Tonwerte der ursprünglichen Aufnahme zwischen den Grenzen von 0 und 255 (oder für den Druck zwischen 3 und 253) gespreizt werden. Zur weiteren vorsichtigen Kontrasterhöhung habe ich hier erstmals nicht die RGB-Kurve S-förmig modifziert, sondern das gleiche in der Luma-Kurve eingestellt. Der Schärferegler wurde nicht benutzt. Klarheit und Struktur ließen sich nur begrenzt anheben, damit bei den Fernaufnahmen der Dunst und die tief hängenden Wolken noch einigermaßen erhalten bleiben. Zeichnung und Struktur im Himmel waren bei dem trüben Einerlei nur mit Hilfe der selektiven Ebenen-Masken-Technik möglich.

 

 

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